Berlin, Gruft der Parochialkirche

Die im Jahre 1695-1703 erbaute Parochialkirche in Berlin-Mitte besitzt eine ausgedehnte Gruftanlage, die aufgrund eines durchdachten Belüftungssystems gute mumifizierende Eigenschaften aufweist. Die Bestattungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert haben die Zeiten nicht unbeschadet überdauert – es kam insbesondere seit dem Krieg zu anthropogenen Störungen – doch stellen sie ein einmaliges Ensemble dar. Vom Oktober 2000 bis Januar 2001 wurden interdisziplinäre Untersuchungen am Bestand der Gruft durchgeführt, deren Ziel eine detaillierte Bestandsaufnahme der Särge und deren Inhalte inklusive der Mumien war.

Die Untersuchung erbrachte, dass sich in 110 geöffneten Särgen (verschlossene Särge wurden nicht mit einbezogen) 87 Mumien oder die gestörten Reste davon befinden. Sie verteilen sich auf 69 Särge, in einigen befinden sich also mehrere Individuen, die dort sekundär hineingelegt wurden. Die Inhalte von 32 Särgen konnten als Streuknochenkomplexe angesprochen werden. Lediglich 9 Särge erwiesen sich aus anthropologischer Sicht als fundfrei.
Eine Beurteilung der Erhaltung, bzw. Störungen erbrachte, dass 52 Individuen (anscheinend) komplett erhalten sind, wogegen 35 zerstört wurden. 25 Toten wurde in jüngeren Zeiten der Kopf abgetrennt. Der Grade der Mumifizierung sind bei den Individuen unterschiedlich und weisen einen Zusammenhang zu der Jahreszeit auf, in der die Bestattung stattfand. Der überwiegende Anteil (42 Individuen) ist nur teilweise mumifiziert, 32 Verstorbene sind gut mumifiziert und 13 sind komplett skelettiert. Die organischen Gewebe sind je nach Grad der Mumifizierung verschieden gefärbt und weisen ein Spektrum von gelblich bis dunkelbraun auf. Bei neun Individuen fanden sich partielle purpurne Verfärbungen, deren Ursache bisher nicht geklärt werden konnten.

Insgesamt erbrachten die Untersuchungen an den Bestattungen in der Gruft der Parochialkirche, dass die Anzahl der Särge und erhaltenen Mumien beträchtlich ist und ihresgleichen sucht. Aufgrund des reichen Bestandes konnten neue wichtige Ergebnisse zur Bestattungskultur und Mumifizierung erhoben werden.


Begutachtung einer Mumie

Einer der am besten erhaltenen Sarginhalte mit einer kompletten Bestattung

Jungklaus B (2002): Die Mumien in der Gruft der Parochialkirche – Ergebnisse der anthropologischen Untersuchung. Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Bd. 23, 31-39.

Jungklaus B, Ströbl A & Wittkopp B (2002): Zur kulturhistorischen Bedeutung der Särge in der Parochialkirche, Berlin-Mitte. Archäologie in Berlin und Brandenburg 2001, 33-38.

Jungklaus B, Krebs D, Ströbl A & Wittkopp B (2009): Die Gruft unter der Parochialkirche in Berlin-Mitte. Ohlsdorf. Zeitschrift für Trauerkultur 107, IV/2009, 15-22.