Diepensee

Im Sommer 2005 wurde bei archäologischen Untersuchungen in der Ortslage Diepensee (Lkr. Dahme-Spreewald) im Vorfeld zum Ausbau den neuen Flughafens Berlin-Brandenburg-International überraschend der Friedhof des mittelalterlichen Dorfes entdeckt und vollständig ausgegraben. Mit mindestens 485 Individuen liegt erstmals eine komplette Skelettserie aus der Zeit vom frühen 13. bis Mitte des 14. Jahrhunderts im Land Brandenburg vor. Die osteologischen und paläopathologischen Untersuchungen erbrachten umfangreiche Daten, bei deren Auswertung die Rekonstruktion der Lebensbedingungen der dörflichen Population im Vordergrund stand.
Die Skelettpopulation von Diepensee weist einen Sterbegipfel mit 21 % im Kleinkindalter (infans I) und einen mit 23 % in der maturen Altersklasse (40-59 Jahre) auf, was für eine gewachsene, vorindustrielle Bevölkerung charakteristisch ist. Bei der geschlechterspezifischen Verteilung zeigte sich, dass die Frauen gehäuft im frühadulten Alter verstarben, die Männer dagegen häufig im spätmaturen Alter. Auffällig ist der hohe Anteil Jugendlicher, was Hinweise darauf gibt, dass die Pest oder eine andere Infektionserkrankung epidemieartig in Diepensee aufgetreten sein könnte. Die Kindersterblichkeit weist für mittelalterliche Verhältnisse mit 33 % einen mäßig hohen Wert auf. In Verbindung mit der im regionalen Vergleich eher hohen Lebenserwartung von knapp 30 Jahren, ergeben sich Hinweise auf vergleichsweise günstige Lebensbedingungen im mittelalterlichen Diepensee.
Die Ergebnisse paläopathologischer Untersuchungen geben Auskunft über die Krankheitsbelastung einer Population und erlauben vielfältige Rückschlüsse, beispielsweise auf die Ernährungslage oder die hygienische Situation. In der mittelalterlichen Population von Diepensee war die Kariesbelastung vergleichsweise gering (Kariesintensität von 53 % und Kariesfrequenz von knapp 6 %), was auf einen eher niedrigen Anteil kariogener Bestandteile in der Nahrung hinweist. Kohlehydratreiche, pflanzliche Kost wie z. B. Brot und andere Getreideprodukte ist im Gegensatz zu Fleisch, Fisch und Milchprodukten stärker kariesfördernd, sodass für die Bewohner Diepensees auf einen eher hohen Konsum tierischer Nahrung geschlossen werden könnte. Doch stehen dem die durchschnittlich hohen Abrasionsgrade entgegen, die sich mit einer Ernährung, die viel Fleisch und Fisch enthält nicht unbedingt vereinbaren lässt. Eine allmählich fortschreitende Abrasion kann jedoch der Kariesentstehung entgegenwirken, was bei den vorliegenden Individuen zu der niedrigen Kariesbelastung beigetragen haben könnte. So dürfte es sich bei der Ernährung im mittelalterlichen Diepensee überwiegend um eine Mischkost aus Getreide- und Milchprodukten mit mäßigem Fleischanteil gehandelt haben, die durch einen hohen Anteil an Hartfaserstoffen sowie abrasive Bestandteile gekennzeichnet waren.
Anzeichen für Mangelernährung und allgemeinen körperlichen Stress weisen die nichterwachsenen Individuen insgesamt vergleichsweise selten auf. Jedoch sind im Kleinkindalter, besonders nach dem Abstillen, die Folgen von körperlichem Stress durch Fehl- und Mangelernährung sowie Infektionserkrankungen anhand der unspezifischen Stressmarker gehäuft nachweisbar. Sowohl Cribra orbitalia, als auch Schmelzhypoplasien und Harris-Linien weisen ein Maximum im dritten bis sechsten Lebensjahr auf, was zudem mit einer Stagnation des Körperwachstums verbunden ist. Diese Altersspanne war also besonders belastet und barg ein hohes Risiko für die Kinder, was aber nur bedingt mit einer erhöhten Sterberate korreliert. Das Kleinkindalter war demnach durch Fehlernährung und Infektionen gefährdet, doch wurden diese kritischen Phasen meist überwunden, was ebenfalls für gute Lebensbedingungen spricht.

Die Gelenke und Wirbel zeigen eine für die harte Arbeit im bäuerlichen Lebensumfeld typische Belastung durch degenerative Veränderungen. Allerdings kommen kaum schwere Fälle von Arthrosis deformans vor. Die männlichen Individuen sind an den unteren Extremitäten stärker belastet als die weiblichen, was auf eine Arbeitsteilung hindeutet. Dabei dürften die Männer die körperlich schweren Arbeiten auf dem Feld und dem Hof ausgeführt haben und auch schwere Lasten getragen haben. Frauen hatten ihre Aufgaben vermutlich überwiegend im Haushalt und in der Versorgung der Familienmitglieder, vielleicht waren sie auch weniger mobil als die Männer.
Insgesamt deuten alle untersuchten Parameter darauf hin, dass es sich bei Diepensee um ein Dorf der mittelalterlichen Mark Brandenburg mit günstigen Lebensumständen für die Bewohner gehandelt hat.


Blick auf einem Ausschnitt des Friedhofes

Rechter Humerus und rechtes Femur eines 1-1,5jährigen Kindes mit Chondrodystrophie

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