Drehna, Wüste Kirche

Als eine der merkwürdigsten Baudenkmäler der Mark Brandenburg galt die Wüste Kirche, die sich nordöstlich von Fürstlich Drehna in der Niederlausitz befand. Viele Legenden rankten sich um diese Ruine und es war nicht klar, wie alt der Bau ist, welche Funktion er hatte und warum er aufgelassen wurde. Die stattlichen Reste dieser Kirche fielen 1979 dem Braukohletagebau zum Opfer und wurden gesprengt. Im Vorfeld zu der Sprengung und unmittelbar im Anschluss daran fanden auf dem Gelände um die Kirche und in Innern archäologische Untersuchungen statt mit dem Ziel das Alter und die Funktion der Kirche zu klären.
Neben einer Vielzahl von Befunden und Funden wurden fünf Gräber mit sieben menschlichen Skeletten entdeckt. Drei Gräber, davon zwei Doppelbestattungen, fanden sich in der Nordwestecke des Kircheninnern und weitere zwei Gräber konnten auf dem südlichen Vorplatz nachgewiesen werden. Sie sind die einzigen Begräbnisse in dem gesamten archäologisch untersuchten Areal. Üblicherweise wurden im Mittelalter die Bereiche um eine Kirche als Friedhof genutzt, hier konnte jedoch keiner nachgewiesen werden.
Die gefundenen Skelette sind also keinem regulären Friedhof zuzuordnen. Die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Gesellschaft sieht für eine bestimmte Verstorbene die Bestattung auf gewöhnlichen Friedhöfen nicht vor oder erlaubte sie auch gar nicht. Die Gründe dafür sind recht vielfältig und hängen oft mit dem Glauben an das Weiterleben der Toten zusammen. Die Sonderbestattung war für alle Andersgläubigen die Regel, aber zuweilen auch für Arme, Pilger und Fremde.

Bei den Individuen handelt es sich sowohl um Männer als auch um Frauen, in einem annähernd ausgeglichenen Verhältnis. Auffallend ist das hohe durchschnittliche Sterbealter von etwa 60 Jahren. Die erreichte Körperhöhe gibt einen Hinweis darauf, dass die hier bestatteten Menschen nicht schlechter als ihre Zeitgenossen ernährt waren.
Weiterhin auffällig ist die hohe Belastung durch verschiedene Erkrankungen, besonders allerdings wohl altersbedingte degenerative Veränderungen der Wirbel und Gelenke. In zwei Fällen zeigen sich individuelle Schicksale. Schwere, aber verheilte Frakturen der Femora bei zwei alten Frauen haben zu Einschränkungen zu Lebzeiten geführt, in einem Fall zu erheblichen Folgeerkrankungen. Es ist anzunehmen, dass es sich bei den vorliegenden Individuen eher um sozial niedriger gestellte Personen gehandelt hat.
Es dürfte sich bei den vorliegenden Gräbern um Sonder-/Notbestattungen aus einer – im weitesten Sinne – Krisenzeit handeln, als die Kirche bereits nicht mehr genutzt wurde. Archäologisch sind sie in die frühe Neuzeit datiert worden. Es konnte dabei nicht geklärt werden, ob alle Bestattungen gleichzeitig vorgenommen wurden. Vielleicht hat es sich um Fremde gehandelt, die nicht auf dem Pfarrkirchhof ihre letzte Ruhe finden durften. Mit der ursprünglichen Funktion der Kirche aus dem Mittelalter als Wallfahrtsort, sind die Bestattungen nicht in Verbindung zu bringen.


Schädel eines etwa 60-jährigen Mannes mit fast zahnlosem Gebiss

Linkes Femur (Rückseite) mit verheilter Fraktur im distalen Bereich

Jungklaus B (2007): Bestattungen in der Kirchenruine: Anthropologische Untersuchung an den Skelettfunden der Wüsten Kirche von Fürstlich Drehna. Luckauer Heimatkalender 2007, 39. Jahrgang, 55-58.