Güstritz, mittelslawisches Gräberfeld

In den Jahren 1991 bis 2001 wurden nordwestlich des Ortes Güstritz im Wendland (Landkreis Lüchow-Dannenberg, Niedersachsen) Ausgrabungen auf einem ehemaligen slawischen Gräberfeld des 9. bis 11. Jahrhunderts durchgeführt. Dieses war akut durch einen gewerblichen Sandabbau gefährdet und schon teilweise durch diesen zerstört. Insgesamt konnten in 186 Gräbern bzw. Grabresten 164 Skelette nachgewiesen werden.
Die Schwerpunkte der anthropologischen Untersuchung lagen bei der Ermittlung der Individualdaten, wie Sterbealter, Geschlecht, Körperhöhe und krankhafte Veränderungen. Der durchweg schlechte Erhaltungszustand der Knochen wirkte sich einschränkend auf die Befunderhebung aus. Die Skelettserie weist den Sterbegipfel im adulten Alter auf. Die Kindersterblichkeit ist mit 13% sehr gering. Kinder unter drei Jahren fehlen in dem Skelettmaterial völlig. Das Kinderdefizit könnte sich möglicherweise teilweise durch Sonderbestattungen erklären lassen.
Mit einem Männeranteil, der das Doppelte von dem der Frauen ausmachte, ergaben sich Hinweise, dass den Bestatteten dieses Gräberfeldes besondere Verhältnisse zugrunde lagen, die von einer typischen vorindustriellen Bevölkerung abwichen. Da ein hoher Männerüberschuss oft typisch für Orte mit starker Zuwanderung war, liegt die Vermutung nahe, dass hier zu gewissen Zeiten ein Zuzug insbesondere männlicher Individuen zugrunde liegen könnte. Das Gräberfeld stammt aus einer Epoche, die für die Slawen mit zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen einherging. Besonders der große Slawenaufstand 983 wirkte sich auch auf das Wendland aus, dass als Grenzregion vielleicht eine besondere Anziehung besaß. Zu bestimmten Zeiten mag dieses Gebiet westlich der Elbe vielleicht auch einen gewissen Schutz geboten haben, da es mehr am Rande der politischen Ereignisse lag. Zumindest ein Mann, der auf dem Gräberfeld bestattet wurde, war aktiv in ein Kampfgeschehen verwickelt, denn ihm wurde durch einen Schwerthieb eine große Partie des linken Hinterkopfs abgeschlagen. Auch das durchschnittlich junge Sterbealter der Männer könnte auf einen frühen Kriegstod zumindest bei einem Teil der Individuen hindeuten.
Bei den Krankheiten konnten nur die Zahnerkrankungen systematisch ausgewertet werden. Die Kariesbelastung ist mit einer Kariesfrequenz von 16% und einer Kariesintensität von 2% äußerst gering. Das deutet auf eher fleischreiche Kost hin. Degenerative Erkrankungen der Gelenke und Wirbel kommen häufig vor, ebenso sind Frakturen im Bevölkerungsvergleich recht häufig.


Ausgrabungen direkt an der Kante zum Kiesabbau (Foto Kreisarchäologie)

Unverheilte Hiebverletzung am Hinterkopf eines 35 bis 45 Jahre alten Mannes (Grab 126)

Jungklaus B (2009): Das slawische Gräberfeld von Güstritz im Hannoverschen Wendland – Ergebnisse der anthropologischen Untersuchung. In: Biermann F, Kersting T & Klammt A (Hrsg.): Siedlungsstrukturen und Burgen im westslawischen Raum. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteldeutschlands 52, 339-348.