Grüner Friedhof am Dom zu Freiberg

In der zweiten Jahreshälfte 2012 wurden südlich des Doms von Freiberg (Ldk. Mittelsachsen) auf dem Gelände des ehemaligen „Grünen Friedhofs“ 127 Bestattungen archäologisch dokumentiert und Knochen aus 102 Gräbern geborgen. Aufgrund begrenzter Geldmittel sind für die anthropologischen Untersuchungen 35 Erwachsenenskelette ausgewählt worden. Die 30 Kinderskelette wurden im Rahmen einer Bachelorarbeit (Uni München) bearbeitet. Anhand der Bestattungssitten konnten die Gräber in die frühe Neuzeit datiert werden, etwa ins 17. und 18. Jahrhundert. Die Qualität der Beigaben bezeugt eine sozial höher gestellte, wohlhabende Bevölkerungsschicht, die hier ihre Verstorbenen bestattete. Die osteoanthropologische Befundung erfolgte mit den gängigen Methoden, wobei Sterbealter, Geschlecht und Körperhöhe bestimmt sowie auffällige Erkrankungen dokumentiert wurden. Die Gebisse sind systematisch befundet worden.
Es konnten ein juveniles, 10 adulte, 17,5 mature sowie 5,5 senile Individuen festgestellt werden, wovon 19 weiblichen und 15 männlichen Geschlechts waren. Bei einem Skelett ließ sich weder Geschlecht noch Alter feststellen. Die Körperhöhe (nach Pearson) betrug im Durchschnitt 161,0 cm, wobei die Spanne zwischen 148,7 und 170,0 cm Mann lag. Es handelt sich um einen zufälligen, nicht repräsentativen Ausschnitt der frühneuzeitlichen Population von Freiberg.
Bei der Kariesbelastung konnten signifikante Geschlechterunterschiede festgestellt werden. So wiesen die Frauen mit einer Kariesintensität von 14,8 % und einem I-CE von 55,6 % einen erheblich höheren Kariesstress als die Männer (KI = 6,3 %; I-CE = 19,7 %) auf. Vermutlich konsumierten die Frauen der Oberschicht deutlich mehr Süßspeisen als die Männer ihrer Zeit, was die Zähne schädigte und Karies begünstigte. Ein Krankheitsbild fällt durch seine Häufigkeit besonders auf. Es handelt sich um Hyperostosis frontalis interna, eine krankhafte Veränderung des Os frontale. Bei den älteren Frauen konnte eine Häufigkeit von 37,3 % nachgewiesen werden, was auffallend hoch ist. Das gehäufte Auftreten von HFI dürfte im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit der betroffenen Individuen zur oberen Sozialschicht zu interpretieren sein und war möglicherweise auch mit Übergewicht verbunden. Des Weiteren lagen ein Verdachtsfall von Syphilis und eine äußerste schwere Skoliose vor. Infektionserkrankungen waren nur in geringer Häufigkeit nachweisbar. Ebenso fanden sich nur bei wenigen Individuen schwere degenerative Gelenk- und Wirbelveränderungen.


Hyperostosis frontalis interna bei einer 50-60 Jahre alten Frau

Brustwirbelsäule mit schwerer Rechtsskoliose bei einem 44-56 Jahre alten Mann