Neumeichow, spätslawische Gräber

Bei Grabungen zur Vorbereitung der großen Erdgastrasse OPAL kam im Moränengebiet der Uckermark im Nordosten Brandenburgs eine Gruppe von sieben slawischen Körpergräbern der ersten Hälfte des 12. Jh. zutage.
Die vier Erwachsenen und drei Kinder waren alle in gestreckter Rückenlage bestattet, ausgerichtet an der Ost-West-Achse. Bei vier der Toten lag der Kopf im Osten, bei den anderen im Westen. Bei einer Frau befanden sich im Bereich des Kopfes zwei Schläfenringe als Bestandteile der spätslawischen Tracht. Die anderen Gräber waren ohne Beigaben.
Dieses Frauengrab zeichnete sich zudem durch eine Bedeckung mit großen Steinen aus. Auf dem Kopf lagen ein großer und ein kleinerer Stein, sowie auf den Füßen ein großer Stein. Solche "Versteinungen" sind in spätslawischen Körpergräbern schon länger bekannt. Ebenso wie archäologisch belegte Fälle von „Köpfungen“ zielten sie offenbar darauf ab, die Wiederkehr des Verstorbenen zu verhindern. Warum die Hinterbliebenen sich im einzelnen Fall vor einem Wiedergänger fürchteten, bleibt im Allgemeinen unklar. Im Fall der hier vorgestellten Toten mag es möglicherweise eine Erklärung dafür geben.
Nach dem Entfernen der Steine zeigten sich am Schädel auffällige Veränderungen: Sechs unterschiedlich große Osteome waren am Stirnbein zu erkennen; die größte maß im Durchmesser 13 mm und war 5 mm hoch. Diese gutartigen, langsam wachsenden Knochentumore verursachen meist keine Schmerzen. Doch sind sie je nach Lage und Größe gut sichtbar, wie bei der hier bestatteten 45 bis 50 Jahre alten Frau. Die Lage des großen Osteoms direkt auf der Stirn über dem linken Auge, kennzeichnete das Gesicht zu Lebzeiten auf markanter Weise. Es wäre möglich, dass die Frau ihren Hinterbliebenen deshalb unheimlich war, und dass sie mit der Versteinung gebannt werden sollte. Die Furcht vor Wiedergängern ist ein Element des Volksglaubens, das sowohl vor als auch nach der Christianisierung existierte.


Grab einer Frau mit „Versteinung“

Osteome kennzeichnen das Stirnbein

Jungklaus B (2009): Sonderbestattungen vom 10.-15. Jahrhundert in Brandenburg aus anthropologischer Sicht. EAZ 50, Heft 1 – 2, 197-214.

Stapelfeld T & Jungklaus B (2010): An der Wiederkehr gehindert. Slawische Gräber mit Sonderbestattung bei Neumeichow. Lkr. Uckermark. Archäologie in Berlin und Brandenburg 2008, 72-74.

Stapelfeldt T & Jungklaus B (2010): Die Furcht vor dem Weibe. Archäologie in Deutschland 3/2010, 40-41.