Tasdorf

Bei Ausgrabungen im Zeitraum von 1994-1995 in Rüdersdorf, Ortsteil Tasdorf konnte eine Skelettserie mit insgesamt 368 Individuen geborgen werden. Die Grabung erbrachte Ausschnitte des Friedhofes mit den Fundamenten zwei sich schneidender Kirchenbauten. Bei der ersten sicher nachzuweisenden Kirche handelt es sich um eine mittelalterliche Steinkirche aus dem frühen 14. Jahrhundert, die exakt nach West-Ost ausgerichtet war. Diese wurde in der Mitte des 16. Jahrhunderts durch eine renaissancezeitliche Steinkirche überbaut, die in ihrer Ausrichtung deutlich nach Nordwest-Südost abweicht. Auf dem umliegenden Friedhof fanden sich die Bestattungen jeweils parallel zu den Kirchenfundamenten angeordnet. Der Ausrichtungswechsel der Gräber im Laufe der Belegungszeit, ermöglicht eine relativ sichere zeitliche Einordnung der Bestatteten in zwei Epochen. So lassen sich 169 Individuen dem späten Mittelalter (13. bis Mitte des 16. Jh.) und 199 der frühen Neuzeit (16. bis zum Beginn des 19. Jh.) zuweisen. Unter diesem Aspekt ist die anthropologische und paläopathologische Untersuchung der Skelette von besonderem Interesse, denn es lassen sich Entwicklungen bioarchäologischer Parameter über einen längeren Zeitraum verfolgen und die Lebensumstände einer Bevölkerung an einem Ort aufzeigen.

Die Skelettserie aus Tasdorf ist seit Jahren Gegenstand umfangreicher Forschungen am Institut für Biologie, AG Humanbiologie der Freien Universität Berlin. Nach einer Analyse der Individualdaten, sind neben den Spurenelement- und Isotopenmessungen verschiedenste paläopathologische Analysen z. T. erfolgt. Anhand der Ergebnisse, die schon vorliegen, zeichnen sich aufschlussreiche Einblicke in die Lebensumstände der Menschen beider Epochen ab.

So deuten verschiedene Parameter auf eine Verschlechterung der Lebensbedingungen vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit hin. Die Säuglingssterblichkeit ist in der frühen Neuzeit gegenüber dem späten Mittelalter deutlich höher, was auf mangelnde hygienische Verhältnisse, quantitativen Nahrungsmangel und eine daraus folgende erhöhte Infektanfälligkeit hinweist. Die Zahngesundheit verschlechtert sich ebenfalls: alle untersuchten Parameter, wie Kariesbelastung, Abrasionsgrade und parodontaler Abbau sind in der frühen Neuzeit schwerer bzw. stärker ausgeprägt als in den Jahrhunderten zuvor. Die degenerativen Erkrankungen von Schulter, Ellenbogen-, Hüft- und Kniegelenken verstärken sich im zeitlichen Verlauf der Epochen, was sich besonders drastisch bei den Frauen abzeichnet. Anhand der histologischen Untersuchungen an den Skeletten der Kinder können Mangel- und Infektionserkrankungen diagnostiziert werden. Sowohl im Mittelalter als auch in der frühen Neuzeit kommt insbesondere chronischer Vitamin C-Mangel häufig vor, aber auch Vitamin D-Mangel ist öfter nachzuweisen. Auch lassen sich Einzelschicksale erschließen. So litt ein etwa 10jähriges Kind aus dem frühneuzeitlichen Bevölkerungsausschnitt an einer angeborenen Syphilis. Ein 1-3 Jahre altes Kind derselben Epoche starb vermutlich an einem Tumor des Knochenmarks.


Transversale Schmelzhypoplasien an den unteren Frontzähnen bei einem 11 bis 12-jährigen Knaben aus dem Mittelalter

Durch Skorbut verursachte poröse Auflagerungen am Alveolarrand des linken Unterkiefers bei einem 9 bis 12-jährigen Kind aus dem Mittelalter

Jungklaus B & Niemitz C (2001): Hinweise zu unterschiedlichen Lebensbedingungen im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit am Beispiel der Skelettserie Tasdorf, Brandenburg, Deutschland. Archaeologia Austriaca, Beiträge zur Paläanthropologie, Ur- und Frühgeschichte Österreichs, Bd. 84-85 (2000-2001), 221-232.

Jungklaus B & Niemitz C (2001): Kindersterblichkeit und Krankheitsbelastung im Vergleich zwischen Mittelalter und früher Neuzeit im östlichen Brandenburg am Beispiel der Skeletserie aus Tasdorf. In: Schultz M (Hrsg.): Homo – Unsere Herkunft und Zukunft: Proceedings – 4. Kongress der Gesellschaft für Anthropologie e.V. (GfA). Cuvillier, Göttingen, 325-330.

Jungklaus B & Wittkopp B (2001): Die Dorfkirche in Rüdersdorf-Tasdorf. Denkmalpflege in Land Brandenburg 1990-2000. Bericht des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum. Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 581-582.

Jungklaus B, Schultz M & Niemitz C (2006): Zur Differenzialdiagnose der Mangelerkrankungen in der mittelalterlichen/frühneuzeitlichen Kinderpopulation aus Tasdorf (Brandenburg). In: Niemitz C (Hrsg.): Brennpunkte und Perspektiven der aktuellen Anthropologie. Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Beiheft 1, 83-88.

Jungklaus B (2010): Die Krankheitsbelastung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kinderpopulation von Tasdorf (Ldk. Märkisch-Oderland). Ergebnisse der osteologischen – paläopathologischen Untersuchungen. Dissertation, Freie Universität Berlin.

Jungklaus B (2011): Neues aus der paläopathologischen Forschung: Krankheiten der Kinder im Mittelalter und der frühen Neuzeit in Brandenburg. Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Bd. 32, 65-80.

Jungklaus B (2012): Die Kinder von Tasdorf im Landkreis Märkisch-Oderland und ihre Krankheiten in Mittelalter und früher Neuzeit. Archäologie in Berlin und Brandenburg 2010, 135-138.

Jungklaus B (2011): Die Krankheitsbelastung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kinderpopulation von Tasdorf (Ldk. Märkisch-Oderland). Ergebnisse der osteologischen – paläopathologischen Untersuchungen. Dissertation, Freie Universität Berlin.