Usedom, Prämonstratenserstift Grobe

Bei Ausgrabungen im Jahr 2010 auf dem Gelände des ehemaligen Prämonstratenserstifts Grobe nahe Usedom (Lkr. Vorpommern-Greifswald) konnten 70 Skelette geborgen werden. Das Bestattungsareal wurde über einen längeren Zeitraum genutzt, etwa vom 12. bis ins frühe 16. Jahrhundert hinein. In dieser Zeit wandelte sich die Siedlungsform von einer frühstädtischen Ansiedlung mit spätslawischem Charakter zu einer Klosterhofsiedlung mit Wallfahrtsfunktion von eher dörflicher Struktur. Das Kloster bestand an diesem Standort von etwa 1155 bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts. Die Gräber konnten überwiegend nicht datiert und somit nicht den Siedlungsphasen zugeordnet werden. Die anschließende anthropologische Untersuchung sollte erste Einblicke in die Lebensumstände der Bewohner von Grobe ermöglichen.
Die Altersverteilung entspricht der einer gewachsenen vorindustriellen Population, mit einer Kindersterblichkeit von knapp 26 %, einem Sterbeminimum im Jugendalter und einem Sterbegipfel von 34 % im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Die Skelettserie kann als repräsentativ für die mittelalterliche Bevölkerung angesehen werden. Es handelt sich also nicht um einen reinen Klosterfriedhof. Auffällig ist der hohe Anteil von Männern in der maturen Altersklasse. Die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt ist mit fast 33 Jahren vergleichsweise hoch. Die Krankheitsbelastung scheint im Ganzen eher niedrig gewesen zu sein. Die Analyse des Gebisszustandes ließ auf eine recht proteinreiche Ernährung schließen, da die Kariesbelastung sehr gering ist. Unspezifische Stressmarker (Cribra orbitalia und Schmelzhypoplasien) konnten selten nachgewiesen werden. Ebenso fanden sich kaum Spuren entzündlicher Erkrankungen am Schädel (Stomatitis und Sinusitis maxillaris). Als auffallend hoch stellte sich dagegen der Anteil verheilter Knochenverletzungen dar, vorrangig wohl Unfallfolgen. Hinweise auf interpersonelle Gewalt gab es nicht. Mittelschwere bis schwere degenerative Gelenkveränderungen konnten bei knapp der Hälfte der Individuen nachgewiesen werden. Insgesamt sprechen die Ergebnisse der osteologischen und paläopathologischen Untersuchungen für vergleichsweise günstige Lebensbedingungen am Siedlungsstandort Grobe.


Schwere poröse und wulstige Gelenkveränderungen an beiden Sprungbeinen

Ein in dislozierter Position verheilter Bruch der unteren Diaphyse eines rechten Femurs, Ansicht von ventral.