Wittstock, Massengrab von 1636

Im Frühjahr 2007 wurde beim Abbau von Sand und Kies in einer Grube südlich der Stadt Wittstock ein Massengrab aus dem Dreißigjährigen Krieg entdeckt. Im Sommer wurde das Grab dann ausgegraben, wobei Archäologie und Anthropologie Hand in Hand arbeiteten. Die Freilegung der Toten erfolgte nach den übereinander geschichteten Lagen der Skelette innerhalb des Grabes. Nach der Dokumentation wurden die Knochen individuengenau entnommen. Alle Skelette aus dem Grab sind inzwischen unter verschiedensten Gesichtspunkten anthropologisch und naturwissenschaftlich untersucht worden. Die Ergebnisse ermöglichen Einblicke in zwei verschiedene Aspekte des Söldnerwesens im Dreißigjährigen Krieg: In das Leben der Soldaten in der Armee, was u. A. ihre Ernährungslage, die hygienischen Verhältnisse, die Unterbringung und die körperlichen Belastungen durch Märsche und Kämpfe umfasst. Auch die Frage der Herkunft der einzelnen Gefallenen und damit ihrer Truppenzugehörigkeit lässt sich beantworten. Zum anderer erlauben die Untersuchungen detaillierte Einblicke in das Sterben der Söldner in der Schlacht von Wittstock. Die Mehrzahl der 125 beigesetzten Soldaten hatte das 21. bis 36. Lebensjahr erreicht. Sechs Männer waren im jugendlichen Alter von nicht einmal 20 Jahren verstorben, lediglich einer wurde älter als 40. Das durchschnittliche Sterbealter lag bei 28 Jahren. Dieses Ergebnis entspricht den Vorstellungen von der Alterszusammensetzung einer frühneuzeitlichen Söldnerarmee. Die Wittstocker Soldaten waren durchschnittlich 1,70 m groß. Der kleinste Soldat maß 1,60 m, der größte 1,82 m. Damit ist kein Unterschied zu zeitgleichen Bevölkerungen zu erkennen. Es gab wohl keine gezielte Größenauswahl bestimmter Männer für den Kriegsdienst. Abnutzungen und traumatische Veränderungen an den Gelenken sowie kräftige Muskelmarken lassen auf enorme körperliche Belastungen schließen. Die Auswirkungen von langen Märschen mit schwerem Gepäck, Drill an den Waffen und harter körperlicher Arbeit zeigten sich an den Skeletten der Söldner. Äußere Gewalteinwirkungen hinterlassen am Knochen meist deutliche Spuren, deren Entstehung auch noch nach Jahrhunderten rekonstruiert werden kann. Speziell bei den Söldnern aus der Wittstocker Schlacht konnten Informationen zum Entstehen der einzelnen Verletzungen den Schlachtablauf genauer beleuchten. Bei jedem dritten Söldner konnten unverheilte Verletzungen am Schädel nachgewiesen werden, am häufigsten Hiebe von Blankwaffen, aber auch Trümmerfrakturen von stumpfer Gewalteinwirkung und Schussverletzungen. Art und Form der Verletzung erlaubt Rückschlüsse auf die verwendete Waffe. Eine detaillierte und abschließende Auswertung der umfangreichen Ergebnisse konnte bisher nicht erfolgen, da die Erarbeitung der großen Sonderausstellung im Vordergrund stand.


Während der Freilegung einer Bestattungslage des Wittstocker Massengrabes

Zwei unverheilte Hiebverletzungen an der linken Seite eines Schädels

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